Die Architektur im Dobbenviertel

Bismarckstraße Nr. 20 bis 22 nach einem Entwurf von Gerhard Schnitger, erbaut 1886

 

Ergänzende Beiträge zur Architektur

 

 

Die Gebäudestruktur des Dobbenviertels

Allgemein

 

Die Geschlossenheit des Dobbenviertels, die durch den Lasius-Plan angestrebt wurde, ist nicht zuletzt der geringen Anzahl an Architekten und Baumeistern zu verdanken, die in nur 15 Jahren fast das ganze Dobbenviertel bebauten.

 

Das Grundgerüst der Bebauung stellten die in dem Plan zum Dobbenvertrag vorgeschriebenen schmalen und tiefen Grundstücksparzellierungen und die an Gestaltungssatzungen erinnernden Bauvorschriften dar. Die freistehenden Wohnhäuser, die nur einen schmalen Bauwich zum Nachbarhaus einhalten mussten, bekamen straßenseitig einen schmalen Vorgarten vorgelagert, der sich ebenfalls aus dem Dobbenvertrag (§3) ergab.

 

Die Architekten schufen innerhalb dieser Vorgaben zur Erlangung einer optimalen Wohnflächenausnutzung drei- bis vierachsige giebelständige Häuser, wobei sie auf eine geringe Anzahl von regionalen Haustypen zurückgriffen, die ihre Individualität ausschließlich den stets unterschiedlich ausgebildeten Schaufassaden verdanken.

 

An prädestinierten Stellen jedoch, wie an Straßeneinmündungen oder auf repräsentativen Grundstücken wie am Cäcilienplatz, am Haarenufer oder in der Roggemannstraße, wird die Addition der bescheideneren Giebelhäuser durch herrschaftliche herausragende Bauten abgelöst.

 

 


 

Das seitlich erschlossene Giebelhaus

 

Die ersten Wohnhaustypen dieser Art sind seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts im Haareneschviertel zu finden. Sie entwickelten sich im Stadtgebiet parallel zum Giebelhaus. Eine größere Verbreitung führte zu einem günstigeren Grundrisszuschnitt. Diese Form war bis zum 1. Weltkrieg in allen Neustadtquartieren 

in Oldenburg vorzufinden.

 

Die Häusererschließung erfolgte nur von der Längsseite her, um straßenseitig die gute Stube und das Wohnzimmer ineinander übergehen lassen zu können. Die Raumorganisation dieses Typs wurde durch die finanziellen Verhältnisse, bzw. durch die hydrographischen Gegebenheiten beeinflußt. Die Fassaden erhielten ihre besondere Individualität durch die Rundbogenfenster, sowie durch Treppen oder Rundbogenfriese im Giebelgesims.

 

Seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts ist als Besonderheit die flächenintensive Vorplatzzone durch den Stichflur abgelöst worden. Dieser Grundriss bzw. diese Raumorganisation hat aber bei der mittelständischen Bevölkerung kaum größeren Anklang gefunden. In dieser Zeit wurde das Kellergeschoß so ausgebaut, daß es als Souteraingeschoß die Wohn- und Wirtschaftsflächen aufnehmen konnte. Im Dobbenviertel mußte man ohnehin bedingt durch den hohen Grundwasserstand die Hälfte der Kellergeschosse über das Straßenniveau herausragen lassen. Durch die individuellen Wünsche der Bauherren entwickelten sich später weitere Sonderformen, die zu einer absoluten Trennung der Erschließung und Wohnbereiche führen.

 

Herbartstraße 3 (Entwurfszeichnung von 1871)

 

 


 

Das Giebelhaus mit seitlich vorgelegtem Treppenhaus

 

Aus diesem Haustyp bildete sich während der 70er Jahre ein fester Typus heraus, dessen Grundrisszuschnitt über die Jahrhundertwende hinaus nur noch nuancierte Veränderungen erfährt.

 

Der Grundriss dieses Typus entspricht in der Raumgruppierung weitgehend dem des einfachen Giebelhauses, mit quer zum Dachfirst ansteigender Treppenanlage, jedoch bleibt die Vorplatzzone durch die Treppe unangetastet. Die erheblichen Vorteile, die sich aus der intensiven Nutzung des Souterrains und der isolierten Treppenhausanlage ergeben, führten zur weiteren Verbreitung dieser Giebelhausvariante seit Mitte der 70er Jahre.

 

Diese Hausform wurde vornehmlich im Dobbenviertel von den Bauunternehmen und Architekten auftragsmäßig in Serie, zumeist jedoch als Verkaufsobjekt errichtet. Die Individualität dieses Haustypus im Dobbenviertel wurde immer durch unterschiedlich ausgebildete Schaufassaden erreicht, in dem man das klassizistische Formengut, dem repräsentativen Gebaren der Zeit entsprechend ausschöpfte. Die sparsame Verwendung von Schmuckformen im Dobbenviertel ist kaum noch vorzufinden.

 

Die größere Plastizität der Fassaden kam dem auf einem zunehmenden Wohlstand gegründeten Selbstbewußtsein des aufstrebenden Bürgertums entgegen.

 

Parkstraße 4, 8, 10

 

 


 

Das Walmdachhaus mit seitlich vorgelegtem Treppenhaus

 

Dieser Haustyp, der in der Grundrisslösung Ähnlichkeiten mit dem Giebelhaustyp aufweist, wurde seit den 70er Jahren im zunehmenden Maße erbaut.

 

Zur gleichen Zeit wurden in großer Anzahl gemäß den Typenentwürfen von den Architekten Waldachbauten erstellt, deren Erschließungstrakte mit gleich hoher Trauf- und Firstlinie an den Hauptbau angeschlossen werden und deren Hausform einen L-förmigen Grundriss ergibt.

 

Während der 90er Jahre wurde eine weitere Variante des Walmdachhauses entwickelt, deren Besonderheit in der Wiedereinbindung des Erschließungsbereiches in den Wohnhauskomplex bestand. Seine Grundgestalt ist nach außen ablesbar und in ein Verhältnis zur Fassadengestalt gesetzt worden. Das Fassadendekor entspricht vornehmlich dem Formenvokabular der Renaissance, die sich durch die betonte Horizontalgliederung der durchlaufenden Gesimsbänder im Decken- und Sohlbankbereich bemerkbar macht. Fassaden im Dobbenviertel, deren historisierende Elemente aus dem Organismus des Baukörpers appliziert werden, sind in der Herbartstraße 13 im ausgeprägten Stilpluralismus offenbart, besonders spürbar.

 

Auch im Dobbenviertel wurde dies durch eine Umbaumaßnahme, die das äußere Erscheinungsbild des Walmdachhauses stark verändert, an dem von Heinrich Frühstück um 1875 entworfenen Wohnhaus, Gartenstraße 28, besonders ersichtlich.

 

Gartenstraße 28, Mansardendachaufstockung von 1903 

 

 


 

Das seitlich erschlossene Walmdachhaus

 

Diesen Haustyp gibt es seit 1850 in Oldenburg u. a. in der Hunte-, Zeughaus- und Gartenstraße. Der Charakter dieser Haustypen findet sich in dem schlichten Bau und in der langanhaltenden Tradition des Klassizismus wieder.

 

Der Grundriss dieses Haustypus bietet eine geräumige Eingangszone von der rechtwinklig, parallel zum Treppenaufgang ein Stichflur zur Küche und Kellertreppe abgeht.

 

Dieser Haustyp zeigt auch eine lebhaftere und kräftigere Fassadengestaltung, deren von Stirnbögen begleiteten Rundbogenfenster den Stilwandel verdeutlichen. Der bemerkenswerte fünfachsige Walmdachbau in der Gartenstraße 35 zeigt die Vorliebe für Stilelemente der italienischen Renaissance seines Erbauers.

 

Aus den verschiedenen Grundrissplänen der unterschiedlichen Zeitabschnitte entwickelte sich eine neue Tendenz des romantischen Klassizismus, die sich gegen die Klassik wendet sowie zur Erforschung und Nachahmung gotischer, romanischer und byzantinischer Stile führte.

 

Gartenstraße 35, erbaut 1877 

 

 


 

Das Halbgiebelhaus

 

Diesen Haustyp findet man vor allem im Dobbenviertel, da in dieser Gegend nur zweigeschossige Haustypen gebaut werden durften. Das Halbgiebelhaus wurde seit 1850 als eine mäßige Umbildung des Giebel- und Walmdachhauses entwickelt.

 

Die Lage der Erschließungszone dieses Hauses ist unterschiedlich (z. B. seitlich im Vorspringenden, oder im traufständigen Gebäudeteil, sogar straßenseitig zentral ...).

 

Die unterschiedlichen Grundrisslösungen wurden bei diesem Haustyp durch die Trennung der Eingänge zur Anlieger- bzw. Besitzerwohnung ersichtlich. Der traufständige Trakt wurde für Neben- und Schlafräume vorgesehen und der giebelständige Trakt konnte für die Benutzung als Mietwohnung für Anlieger angeboten werden. Die Herausbildung des asymmetrischen Baukörpers steht mit der neu aufkommenden Welle der wiederentdeckten deutschen Renaissance während der 70er Jahre im Zusammenhang.

 

Während das Giebelhaus des Dobbenviertels mit den Stilelementen des Klassizismus und der Renaissance noch in einer symmetrischen Ordnung gleichmäßig überzogen wurde, besteht die Eigenart des Halbgiebelhauses letztendlich in der demonstrativen Hervorhebung des Repräsentationsbereiches.

 

Moltkestraße 2 

 

 


 

Das klassizistische Walmdachhaus

 

In Anzahl und Dichte dem Giebelhaus entsprechend werden die neuen Stadterweiterungsgebiete mit zweigeschossigen Häusern durchsetzt, die zunächst noch bis 1870 ganz in der Tradition des Klassizismus stehen und in den Gebäudeproportionen, der Fassadengestaltung und im Grundriss unmittelbar an jene Wohnhaustypen anknüpfen, die seit 1800 außerhalb der Wälle u. a. am Damm, am Theaterwall oder an der Gartenstraße entstanden.

 

Dieses klassizistische Walmdachhaus in Oldenburg spiegelt die politischen und kulturellen Verbindungen mit Dänemark in der Schlichtheit des nordischen Klassizismus wider.

 

Diese klassizistischen Walmdachhäuser wurden erstmals am Theaterwall errichtet mit der Verpflichtung, daß diese nur zweigeschossig und zumindest eine Fünfachsigkeit zur Wallfront aufweisen dürfen. Aus stadtplanerischen Gesichtspunkten, sollten hier große Baublöcke auf einem hohen Sockelgeschoß errichtet werden, um den Einblick in die ungeordnete Hinterhausbebauung der Altstadt zu kaschieren.

 

Die Fassadengliederung des Walmdachhauses wird charakterisiert durch die glatten Wandflächen, die zarten Begrenzungslinien bandartiger Gesimsvorlagen und der fünf bis siebenachsigen Fensteranordnung. Die Bauten aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts weisen besondere Gestaltungselemente auf:

  • die Betonung des zentralen rundbogigen Portals,

  • eine stark zurückgenommene Eingangsnische mit einem halbkreisförmigen Fenster.

Auch in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Grundrissgestaltung an eine reglementierte Grundstücksparzellierung ungebunden. Selbst in den 80er und 90er Jahren, während im Rücken der Gartenstraße, im Dobbenviertel, die Fassaden dekorativer ausgestattet wurden und Schmuckformen der Renaissance und des Barock aufweisen, blieb hier der klassizistische Habitus bewahrt.

 

 


 

Das zentral erschlossene Walmdachhaus

 

In der Regel befand sich beim vornehmen klassizistischen Bürgerhaus der Eingang an der Seite. Nur selten ist dieser Haustyp außerhalb der Wallanlagen an der Hunte- und Gartenstraße mit einer straßenseitigen Zentralerschließung vorzufinden.

 

Das entscheidende Element der Grundrissgestalt von diesem Haustyp besteht in der Vorliebe, Salon und Wohnzimmer miteinander zu verbinden. Dies zeigt sich durch die Schließung des Mitteleinganges und die Umorganisation des gesamten Erdgeschoßgrundrisses.

 

Einer der am besten erhaltenen Bauten dieser Art in Oldenburg wurde von Heinrich Frühstück um 1860 an der Gartenstraße (Haus Nr. 33) errichtet. Den Charakter dieses Hauses bestimmen Rundbogen und gerade Sturze, die über den Fenstern und dem Portal durch die zurückhaltende Anwendung von Verdachungen, Vorsprüngen und Karniesen sowie durch die Ornamentsprossen der Oberlichter eine gewisse Betonung erfahren. Auch in der axialen Anordnung des Einganges und der Begrenzung der Stufen durch massive Wangen sowie in dem leicht vortretenden Risalit leben noch klassizistische Vorstellungen fort. Der spartanisch einfache, wenig differenzierte Grundriss dokumentiert weniger die Anspruchslosigkeit der Bewohner als die Unkompliziertheit des Wohnens in einer Zeit, die technische Errungenschaften kaum kannte.

 

Das mittige erschlossene Walmdachhaus wird bis auf vereinzelte Ausnahmen seit den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts nicht mehr gebaut. Es sei denn, daß eine zur Straße orientierte Ladezone vorgesehen ist oder der schmale Bauwich zum Nachbargebäude einen seitlichen Zugang zum Haus nicht ermöglicht.

 

Gartenstraße 33, Straßenansicht und Grundriss

 

 

 


 

 

Quelle: Integrationsprojekt an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg im SS 1994

Das Dobbenviertel - Eine gründerzeitliche Stadterweiterung in Oldenburg -

 

 


 

 

Links zu Baumeistern und Architekten

 

 

 

Haftungsausschluss


Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.
 

 

 

Startseite

Dobbenviertel

Architekten