Wohngebäude im Dobbenviertel

 

Die Wohnhausbebauung des Dobbenviertels

 

Sowohl durch die geschlossene städtebauliche Konzeption als auch die besondere Dichte erhaltener gründerzeitlicher Wohnhausbebauung einer bürgerlichen bzw. großbürgerlichen Gesellschaftsschicht unterscheidet sich das Dobbenviertel von anderen Oldenburger Stadterweiterungsgebieten mit ihren soziologisch und architektonisch heterogeneren Strukturen Das z.B. in der Nordstadt und im Haareneschviertel verbreitete traufständige Doppelwohnhaus mit Drempel erscheint im Dobbenviertel als Ausnahme (Dobbenstr. 18, erb. 1880). 1)

 

Die genannten Kriterien weisen das Dobbenviertel trotz Einbußen an originaler Bausubstanz seit der Nachkriegszeit als ein stadtbaugeschichtliches Dokument von seltener Einheitlichkeit aus, in dem sich freilich Gebäude vom Rang eines Einzeldenkmals mit schlichteren und deshalb durch Veränderungen besonders gefährdeten Bauten abwechseln, deren Denkmalqualität aus ihrer typologischen Reihung erwächst. Gleichermaßen zum denkmalwerten Bestand des östlichen Dobbenviertels gehören als Teil der städtebaulichen Konzeption die rückwärtigen Haus- und die Vorgärten. 1)

 

Bei der Entstehung der Bebauung spielte in zeitspezifischer Charakteristik die spekulative Vorgehensweise der Architekten, die teilweise, wie z.B. C. Spieske sowie Vater und Sohn Frühstück, gleichzeitig auch Unternehmer waren, eine wichtige Rolle. Sie errichteten viele Objekte, um sie erst nach Fertigstellung, bisweilen auch schon im Rohbauzustand zu verkaufen. In welchem Umfang sich die Architekten Handlungsfreiheit einräumen konnten, mag die Tatsache belegen, dass z.B. Spieske an der Lindenallee z. T. ohne Genehmigung baute, sein Verhalten aber trotz der Androhung von Haft- und Geldstrafe letztlich ohne Konsequenzen blieb, da die Behörde einlenkte. Neben dem schon genannten Spieske, mit großem Bauvolumen an Lindenallee, Park-, Hindenburg- und Bismarckstraße, zählen zu den fünf wichtigsten historischen Architekten des Dobbenviertels J. H. Brandes, der vor allem an der Lindenallee baute, H. Frühstück d. Ä., der in Garten-, Moltke- und Roggemannstraße tätig war, A. L. Klingenberg, von dem Häuser an Teich- und Bismarckstraße stehen sowie G. Schnitger, dem als virtuosesten Architekten exponierte Grundstücke an Herbartstraße, Haarenufer und Cäcilienplatz zur Verfügung standen. 1)

 

 


 

Giebelständige, eingeschossige Gebäude mit Drempel

 

Für den schmalen Parzellenzuschnitt des Dobbenviertels, der eine dichte Reihung der freistehenden Häuser mit schmalem Bauwich zur Folge hatte, erwies sich das giebelständige Haus mit Drempel durch seine optimale Wohnraumausnutzung als der am besten geeignete Typ, der das Bild vieler Straßenzüge dominierte. Das älteste Giebelhaus des Viertels befindet sich in der Roggemannstraße (Nr. 9, erb. um 1860), die 1845 als Gemeindeweg genannt wird, der von der Gartenstraße zu den Dobbenwiesen führt. Auf dem Hotes-Plan von 1867 sind hier bereits einige Häuser verzeichnet, u. a. auch der genannte fünfachsige Bau ohne Souterraingeschoß mit mittigem Eingang, der im klassizistischen Sinne schlicht, nur mit einer zarten Profilrahmung der fünf leicht stichbogigen Erdgeschossfenster gestaltet ist. 1)

 

Von dem einfachen, vierachsigen Typ ohne Souterrain mit seitlicher Erschließung bei innen liegendem Treppenhaus finden sich nur wenige Beispiele, deren anspruchsloser Habitus sich in der bescheidenen Fassadengestaltung widerspiegelt (z. B. Dobbenstraße 9, erb. 1881; Nr. 14, erb. 1887, Lindenallee 22, erb. 1886). Den gleichen Typ, jedoch über einem Sockelgeschoss, vertritt Herbartstraße 3 (erb. 1877, Arch. G. Schnitger), das mit dem Putzfugenschnitt und den Festonfüllungen der Brüstungsfelder im Obergeschoss zurückhaltenden spätklassizistischen Dekor zeigt, wie er auch die Gebäude Lindenalle 7 und Nr. 26 (beide erb. 1880) schmückt. 1)

 

Die dominanteste Variante des giebelständigen Hauses im Dobbenviertel ist der vierachsige Typ auf hohem Souterraingeschoss mit seitlichem Erschließungstrakt, vorgelegtem, meist polygonalem Altan und oftmals weiteren Ergänzungen wie Balkon und Wintergarten. Dieser großzügigen Baukörperdisposition entsprechen die reichen, plastischen Fassadendetails, die vielfältig variiert jedem Haus ein individuelles Gepräge als Ausdruck bürgerlichen Selbstdarstellungsbedürfnisses verleihen. Die in zahlreichen Publikationen zur Verfügung stehenden Vorlagen erlaubten den Architekten, über einen umfassenden, beliebig kombinierbaren Formenkanon zu verfügen. Eine persönliche Handschrift des Baumeisters ist daher kaum ablesbar. Im Dobbenviertel häufig anzutreffen ist die Kombination der geläufigen spätklassizistischen bzw. renaissancistischen Formen mit Holzkonstruktionen wie Schwebegiebeln, Hängesäulen und ornamental durchbrochenen Schmuckbrettern als Giebelzier. Diese der Fachwerkarchitektur entlehnten Elemente, von deren Wiederbelebung man sich ebenso wie durch den Rückgriff auf historische Stile eine Erneuerung der Baukunst erhoffte, wurden gegen Ende des 19. Jh. vor allem in den Dienst einer malerischen Wirkung des Wohnhausbaus gestellt. 1)

 

Beispielhaft für die Variationsbreite der Fassadengestaltung seien einige Häuser von C. F. Spieske vorgestellt, der am Bauvolumen der giebelständigen Häuser des Dobbenviertels den größten Anteil hatte. Bei dem Haus Bismarkstraße 26 (erb. 1887) korrespondieren die rundbogigen Erdgeschossfenster, die am seitlichen Altan von Pilastern mit korinthisierenden Kapitellen gerahmt werden, mit dem kreisförmig geschnittenen Schwebegiebel und der gleichförmigen, abknickenden Verdachung der Obergeschossfenster. Ein wesentlich strengeres Erscheinungsbild kennzeichnet dagegen Parkstraße 2 (erb. 1888), das u. a. durch die Wiederholung horizontaler Linien hervorgerufen wird: beide Geschosse, durch einen breiten Wandstreifen zwischen Gurt- und Sohlbankgesims getrennt, überzieht ein horizontaler Fugenschnitt. Weiter tragen zu dieser Wirkung die horizontalen Fensterverdachungen im Erdgeschoss sowie das kräftig profilierte Gebälk als Abschluss der beiden mittleren, pilastergerahmten Obergeschossfenster bei. Auf Motive des in Oldenburg selten anzutreffenden "Castle style" griff er bei dem Haus Parkstraße 8 zurück (erb. 1891), die hier mit einem Schwebegiebel eine eigenwillige Verbindung eingehen. 1)

 

Eines der am aufwendigsten und mit betont malerischem Effekt konzipierten Gebäude des Dobbenviertels wurde 1886 von H. Früstück erbaut (Roggemannstr. 20). Es fällt bereits durch die Hinzufügung eines der Südseite vorgelagerten, einachsigen Trakts und eines sich diesem nach Western anschließenden Wintergartens in Holzkonstruktion aus dem üblichen Schema des giebelständigen Hauses heraus. Plastische Details heben vor allem den pilastergegliederten Altan und im Drempelgeschoss das durch korinthisierende Säulchen unterteilte, rundbogige Drillingsfenser mit kräftigem Bogenbegleitprofil und Balusterbrüstung hervor. Bemerkenswert ist die auf Fuß- und Mittelpfetten ruhende Schwebegiebelkontruktion mit abschließender Hängesäule, wobei die Zwickel zwischen den Hölzern des Freigebindes mit von Rankenwerk durchbrochenen Schmuckbrettern gefüllt sind. 1)

 

Einen Anklang ländlicher Architektur durch das Motiv des auf Pfetten vorgezogenen Daches mit abschließendem Krüppelwalm vermitteln auch mehrere giebelständige Häuser an Teich- und Parkstraße (Teichstraße 7, Nr. 9, beide erb. 1893; Nr. 11, Nr.13, beide erb. 1892/93, alle vier Gebäude durch L. Klingenberg erb.; Parkstraße 7, erb. 1896, Arch. C. F. Spieske). Charakteristisch für die historistische Fassadenbehandlung ist die starke Plastizität der Schmuck- und Gliederungselemente, wie sie Roggemannstraße 27 (erb. 1890, Arch. Logemann) anhand der kräftigen Profilierung der geohrten Fensterrahmen und -verdachungen sowie insbesondere durch die in einer Nische zwischen den beiden mittleren Drempelgeschoßfenstern mit ihren Balusterbrüstungen aufgestellte, antikisierende Plastik zeigt. Von dieser bisweilen überschwenglichen Dekorationsfreunde gibt, in eine andere Formensprache übertragen, Prinzessinweg 41 mit seinem üppigen, floralen Jugendstieldekor ein Beispiel. Als Abwandlung des giebelständigen Hauses kann das Halbgiebelhaus betrachtet werden, bei dem der giebelständige Trakt zu zwei Achsen zweigeschossig, der traufständige, gleichfalls zweiachsige Bauteil entweder mit Drempel- oder zweitem Vollgeschoss aufgeführt ist. 1)

 

Während dieser Gebäudetyp in den Stadterweitungsgebieten Oldenburgs nur selten auftaucht, ist er im Dobbenviertel, vor allem in der Moltkestraße häufiger vertreten (Moltkestr. 2, Nr. 8, beide erb. 1878; Nr. 10, Nr. 17, beide erb. 1877, alle durch H. Frühstück; letztgenanntes mit Erweiterung des traufständigen Teils um eine Achse). 1)

 

Entsprechend seiner Bedeutung als Trakt, der die repräsentativen Wohnräume aufnahm, wurde der vorspringende, giebelständige Teil in der Regel durch eine reiche formale Ausstattung, bisweilen einen polygonalen Altan oder eine Schwebegiebelkonstruktion hervorgehoben (Cäcilenstr. 6, erb. 1882; Herbartstr. 16, erbaut 1886, Arch. G. Schnitger; Teichstr. 4, erb. 1889, Arch. L. Backhaus, letztgenanntes mit originellem Abschluss des Schwebegiebels durch einen Krüppelwalm über dreieckigem Grundriss, unterstützt durch ein Kopfband). 1)

 

 


 

Zweigeschossige Wohnhäuser mit Walm- bzw. Mansarddächern

 

An den gegenüber den Giebelhäusern großvolumigeren zweigeschossigen Walm- und Mansarddachbauten unterschiedlicher Varianten, die in den Straßenzügen des Dobbenviertels immer wieder mit den giebelständigen Bauten abwechseln, konnte sich das Repräsentationsbedürfnis der Bauherren in Einklang mit der historisch-eklektizistischen Verwendung von Dekor- und Gliederungselementen voll entfalten. Die Gebäude vom Ende der siebziger Jahre stehen allerdings durch das Einhalten der geschlossenen Kubatur noch in der Tradition klassizistischer Walmdachquaderbauten, weisen gegenüber diesen freilich eine reichere Ornamentik auf, die jedoch dem klassischen Formenkanon verpflichtet ist und - im Gegensatz zu den späteren Bauten mit ihrem demonstrativ aus der Fläche heraustretenden Dekor - als ein der Fassade integriertes Element erscheint. Diese Bauauffassung veranschaulichen beispielsweise Herbartstraße 24 (erb. 1878, Arch. G. Schnitger), mit geschoßtrennendem Mäander und abschließendem Palmettenfries, sowie Moltkestraße 9 (erb. 1878, Arch. H. Früstück) mit ädikulaähnlicher Rahmung der rundbogigen Obergeschoßfenster. 1)

 

Dagegen zeichnen sich die Wohnhäuser der beiden nachfolgenden Jahrzehnte durch eine zunehmend differenzierende Baukörperformation mit raumgreifenden Bauteilen wie Treppenhaustrakt, Risalit, Balkon usw. und einer damit einhergehenden stärker plastischen Ornamentik in dem üblichen Formenvokabular des Spätklassizismus bzw. der Neurenaissance aus, welche der Wandfläche ein deutliches Relief verleiht oder plakativ einzelne Zonen betont. Durch die Dichte der aufgelegten Gliederungselemente - im Erdgeschoß horizontale Rauhputzbänder, im Obergeschoß groteskengeschmückte Pilaster als Eck- und Fensterrahmung - bleiben bei dem Haus Lindenallee 20 (erb. 1886, Maurerm. W. Schäfer) von der ursprünglichen Mauerfläche nur schmale Streifen sichtbar. Eine ähnliche Stilhaltung, jedoch mit noch lebhafterer Detaillierung vertritt das mansardgedeckte Haus Roggemannstraße 5 (erb. 1893, Arch. H. Früstück). So zeigen beispielsweise die Ecklisenen im Erdgeschoß einen Diamantquaderbesatz, diejenigen des Obergeschosses ein vegetabiles Relief, und die Fensterpfosten des Risalitobergeschosses sind als Hermenpilaster ausgebildet. 1)

 

In Zusammenhang mit dem erstarkten Nationalgefühl nach dem Krieg 1870/71 flossen in zunehmenden Maße Formen der Deutschen Renaissance in die Architektur ein. Dabei rezipierte man die Variante des norddeutschen Raumes mit ihrem charakteristischen Materialwechsel von Backstein und Werkstein, der im Historismus häufig durch Putzelemente ersetzt wurde. Diese Gestaltungsweise setzte z. B. Spieske, der für seine giebelständigen Häuser eine Putzverkleidung bevorzugte, für Gebäude großzügigeren Zuschnitts ein (Lindenallee 49, erb. 1889; Gartenstr. 22, erb. 1896; Gartenstr. 22a, erb. 1898). Auf eine üppige Dekoration wird bei diesen Häusern verzichtet. Lediglich zur Unterstreichung eines exponierten Bauteils wählte Spieske ein aus dem übrigen Formenapparat hervorragendes Motiv aus: so z. B. bei den spiegelsymmetrisch errichteten Häusern Lindenallee 31 und Nr. 33 (erb. 1893), wo er die Beletage des Risalits mit einem rundbogigen, von einem sechspaßbekränzten Zwilligsfenster innerhalb einer Rundbogenblende ausstattete, oder bei Taubenstraße 3 (erb. 1897) mit einem von Hermenpilastern unterteilten Drillingsfenster, dessen Segmentbogenlünette Akanthuslaub ziert. 1)

 

Als Beispiel eines um besondere Individualität bemühten Entwurfs mag sein 1900 errichteter Putzbau Lindenallee 2 dienen. Der nördliche Eckrisalit erscheint durch einen Dachausbau - belichtet von einem rundbogigen Drillingsfenster - einem Turm ähnlich, der mit seinem flachgeneigten, vorkragenden Dach an den Stil italienischer Landhäuser erinnert. Der prächtige Fassadenschmuck und die sich im Detail eng am historischen Vorbild orientierenden Ornamente lassen das 1887 von L. Klingenberg errichtete sog. "Gelbe Schloß", das Mehrfamilienhaus Roggemannstraße 25, zu einem der eindrucksvollsten Zeugnisse historistischer Interpretation der Deutschen Renaissance werden. Die mit gelben Backsteinen verblendete Fassade rahmen zwei polygonal hervortretende Bauteile, welche die Traufe, ebenso wie der dreiachsige, leicht vorgezogenen Mitteltrakt, mit ihrem Mezzaningeschoß überragen. In dem ihm vorgelegten Altan, den drei rundbogige Zwillingsfenster mit Überfangbögen belichten, liegt mittig im hohen Souterraingeschoß der Haupteingang. Zwischen Mittel und Seitentrakten sind über einer Stichbogenarkatur, die zu Nebeneingängen im Souterrain führt, Balkonaustritte eingespannt, deren durchbrochene Brüstungen ebenso wie die des Altans mit Kleeblattbogen geschmückt sind. Den reichsten Kunststeinschmuck, plastisch durchgebildete Rahmungen, vasenbekrönte Dreiecksgiebelverdachungen im Mitteltrakt und gesprengte Segmentbogengiebel an den Eckrisaliten, tragen die Obergeschoßfenster der vortretenden Bauteile. Die in ihren Brüstungsfeldern und denen der beiden seitlichen Altanfenster angeordneten Tondi mit den Männerportraits rekurrieren auf das in der Renaissance rezipierte ikonographische Thema der neun guten Helden. Die Ergeschossfenster schmücken nachempfundene Kerbschnittsteine. 1)

 

Das lange Überdauern historischer Architekturauffassung und Repräsentationsbedürfnisses in einem für Oldenburg ungewöhnlichen Formenvokabular veranschaulicht Bismarckstraße 31, ein 1883 errichtetes vierachsiges Gebäude, das sein, heute in einigen Bereichen geändertes, Erscheinungsbild einem von J. H. Brandes 1909 ausgeführten Umbau verdankt. Er erweiterte den Ursprungsbau um zwei südliche Achsen mit nur leicht vorgezogenem Risalit, dem er einen konkav einschwingenden Altan mit abschließender Balusterbrüstung vorlegte, und gestaltete die von Kolossallisenen mit Fugenschnitt eingefaßte Fassade in einer zierlichen Rokokoornamentik. 1)

 

 


 

Wohngebäude des Hofbaumeisters G. Schnitger

 

Besondere Beachtung verdienen im Dobbenviertel die mit exakt strukturierten Fassaden und wirkungsvoll eingesetzten Details anspruchsvoll projektierten Bauten des Hofbaumeisters G. Schnitger. Als Beispiel eines Wohnhauses von herrschaftlichem Gepräge sei Herbartstraße 13 mit seinem asymmetrisch konzipierten Baukörper genannt (erb. 1896). Die in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehenden Gliederungselemente - in der Horizontalen die Gesimse und die Rauhputzbänder des Erdgeschosses, in der Vertikalen die Fensterachsen mit starker Profilierung des Bogens - überziehen die Fassade mit einem Ordnungsgefüge. Die Oberlichter der Altanfenster in Achtpassform unterstreichen die exponierte Stellung dieses Bauteils. Spiegelt sich hier, ebenso wie in dem gleichzeitig von Schnitger errichteten Nachbarhaus Herbartstraße 14, die späthistoristische Vorliebe für eine kräftige Plastizität wider, gehört Herbartstraße 25 zu den Werken in Schnitgers Oeuvre, die ihn insbesondere in der Proportionierung der Gebäude als herausragenden Vertreter spätklassizistischer Architekturprinzipien ausweisen, der eine nuancenreiche, auf die Bedeutung einzelner Bauteile eingehende Instrumentierung beherrscht. 1)

 

Schnittger ließ 1871 an der Herbartstraße 25 über einem Sockel einen zweigeschossigen Baukörper errichten. Die dem Haarenufer zugewandte fünfachsige Hauptfassade, die ein horizontaler Putzfugenschnitt überzieht, akzentuiert westlich ein zweiachsiger Eckrisalit mit abschließendem Dreiecksgiebel. Ein Gurtgesims mit Mäanderfries trennt das schlicht gehaltene Erdgeschoss vom Obergeschoss, das durch Rundbogenfenster mit horizontaler Verdachung ausgezeichnet ist. Übereckgesetzte, korinthisierende Pilaster und eine Säule zwischen den Fenstern heben das Obergeschoss des Risalits optisch hervor. Den oberen Wandabschluss bildet ein von Adlern gehaltener Festonfries. Die von Schnitger intendierte spannungsvolle Beziehung zwischen dreiachsigem Trakt und Risalit ging 1883 durch den Anbau eines identischen Trakts auf der Ostseite in einer symmetrischen Gestaltung auf. Zwischen die Risalite wurde ein offener Altan auf schlanken, gusseisernen Säulchen eingefügt; der darüber liegende Balkon mit Glasdach besitzt in der kunsthandwerklich qualitätvollen Arbeit der durchbrochenen Eisenbrüstung mit Anthemionornament einen ansprechenden Blickfang. 1)

 

 


 

Wohngebäude in städtebaulich markanter Lage

 

Wie dieses exponierte Grundstück am Haarenufer, dem die Villa ihre straßenwirksame Bedeutung verdankt, wurden vergleichbare Parzellen, vor allem an Straßenmündungen, für die Errichtung besonders hochrangiger Bauvorhaben genutzt, um an diesen markanten Punkten den anspruchsvollen Charakter des Viertels demonstrativ in den Blickpunkt zu rücken. Als ein in diesem Sinne bewährtes Motiv bot sich die Gestaltung durch einen Turm an, der z. B. bei Haus Haarenufer 5 (erb. 1896 durch L. Sievers in Formen der Deutschen Renaissance) an der Einmündung zur Lindenallee unter hohem Helm polygonal und bei Haarenufer 15/16 (erb. 1898/99, Arch. A. Töbelmann, ebenfalls ein ziegelverblendeter Bau mit geputzten Gliederungselementen) an der Einmündung zur Ratsherr-Schulze-Straße über rechteckigem Grundriss hervortritt. Die abgeschrägte Nordostecke von Roonstraße 1, die im Blickfeld des vom Theaterwall kommenden Betrachters liegt, besetzte Zimmermeister Logemann 1878 beim Bau des zweigeschossigen Hauses mit einem helmbekrönten Erkertürmchen. Dem nachfolgenden Besitzer zu bescheiden, ließ er es anlässlich des 1898 von J. H. Brandes ausgeführten Umbaus um ein Geschoss erhöhen und mit einer laternenbesetzten Welschen Haube bekrönen. Innerhalb dieser Umbaumaßnahme wurde das Gebäude nach Südosten erweitert, so dass der ehemalige Eckrisalit der Ostfassade heute als Mittelrisalit erscheint, dem sich im Obergeschoss nach Süden ein Wintergarten in Holzkonstruktion anschließt. 1)

 

Bismarckstraße 24, in spätklassizistischen Formen 1887 erbaut, fällt durch seine Grundrißdisposition auf, die dem spitzwinkeligen Grundstück an der Gabelung von Roggemann- und Bismarckstraße folgt. Die Traufseite an der Roggemannstraße, dominiert von Wandflächen mit Fugenschnitt im Erdgeschoß bzw. gerahmten Blendfeldern im Obergeschoß, wird nur durch die Öffnungen des von Putzquadern gerahmten Mittelrisalits mit reicher Gliederung und Ornamentierung belichtet. Dagegen besitzt die Fassade an der Bismarckstraße mit südlichem Eckrisalit insgesamt fünf Fensterachsen. Die nördliche exponierte Schmalseite zeichnete der Architekt C. F. Spieske durch einen polygonalen Altan und die Fenstergestaltung des Obergeschosses in Form einer Serliana aus, die sich im abschließenden Ziergiebel wiederholt. 1)

 

Das 1906 an der Ecke Meinardusstraße/Holzweg errichtete Haus Meinardusstraße 34 ist mit dem räumlich differenzierten Baukörper ein später Vertreter für den großbürgerlichen Wohnbau des Historismus, zu dessen malerischen Charakter häufig verglaste Wintergärten beitragen, hier mit zwei gut erhaltenen Beispielen in Eisenkonstruktion: auf der Westseite über halbkreisförmigem, auf der Ostseite über rechteckigem Grundriß. Als Ecklösung entschied sich der Architekt für einen einachsigen, übereckgestellten zweigeschossigen Vorbau unter abgewalmten Dach, im Hauptdach überragt von einem Dachhäuschen, dessen Haube Knauf und Wetterfahne zieren. 1)

 

 


 

Die Platzrandbebauung des Cäcilienplatzes

 

Auch die architektonische Rahmung des Cäcilienplatzes, der - allseitig von Straßen tangiert - auf drei Seiten umbaut wurde, sollte einen der Parkanlage entsprechenden repräsentativen Charakter erhalten. Eingeleitet wird sie an der Roonstraße durch zwei walmgedeckte Gebäude. Roonstraße 3, an dessen vierachsiger Fassade der Erker vor den beiden östlichen Obergeschoßachsen mit seiner Pilastergliederung und dem mit einem Festonfries geschmückten Gebälk einen Blickfang bildet, wurde wohl in den 1880er Jahren erbaut. Den Eckbau an der Moltkestraße (Roonstraße 5, erb. 1877) gestaltete H. Frühstück, wie die leicht vorgezogenen, im Obergeschoß durch Pilaster gegliederten Mittelachsen der Westseite zeigen, in strengen spätklassizistischen Formen. Dagegen wurde die Fassade an der Roonstraße, deren Fensterachsen in der Vertikalen optisch zusammengezogen sind, 1925 im Zuge eines von Fichtner und Sandeck ausgeführten Umbaus verändert. Dieser Maßnahme entstammt auch der die nordwestliche Ecksituation betonende Verandavorbau mit feingliedrig versproßter Verglasung zwischen Pfeilern, dessen Formsprache dem Ursprungsbau angepasst ist. 1)

 

Den Abschnitt zwischen Bismarck- und Moltkestraße prägt ein von L. Klingenberg schon 1878 entworfenes, jedoch erst um 1890 errichtetes Ensemble, bestehend aus einem elfachsigen Mittelbau (Roonstraße 7) und zwei flankierenden Gebäuden (Moltkestraße 24, Bismarckstraße 12), deren Ost- bzw. Westachsen dreigeschossig vorspringen und den Mittelbau turmähnlich, ursprünglich durch einen Helmaufsatz unterstützt, rahmen. In Korrespondenz zu dem gleichfalls dreigeschossigen und vortretenden Mitteltrakt des Hauptgebäudes, der einen Portalvorbau und ein abschließendes Mansarddach besitzt, verleihen sie der Gruppe eine symmetrische Gliederung und lassen sie zu einer palastartig wirkenden Einheit verschmelzen. Ein entsprechend homogenes Bild vermitteln die in rotem Backstein verblendeten Fassaden, wobei glasierte Ziegel, z. T. in ornamentaler Setzung, an den Gebäudeecken, Fenstergewänden, Brüstungsfeldern und Kämpfergesimsen über ihre strukturierende Funktion hinaus zur repräsentativen Belebung der Mauerflächen dienen. Diese sind im Erdgeschoß von Stichbogen-, im Obergeschoß von Rundbogenfenstern durchbrochen. Die den Seitenstraßen zugewandten Fassaden der Flanckengebäude zeichnet jeweils ein Mittelrisalit mit abknickenden Giebelkanten aus. Einer vergleichbaren Gestaltung, hier mit Motiven der Neurenaissance, unterzog Klingenberg die beiden in der Bismarckstraße südlich anschließenden Häuser (Bismarckstraße 10, 11, erb. 1901), zwei vierachsige, ziegelverblendete Gebäude, deren Fassade mit der turmähnlichen Eckausbildung spiegelbildlich auf einander bezogen sind. 1)

 

Eine 1881 von F. Hegeler errichtete Häuserreihe begrenzt die Westseite des Cäcilienplatzes an der Bismarckstraße (Nr. 21, 22, 23), wobei der Eckbau Nr. 23 an der Gabelung zur Hindenburgstraße aufgrund des Parzellenschnitts eine seiner Position entsprechende abweichende Grundrißdisposition und Baukörperformation erhielt, jedoch die gleiche Detaillierung in Neurenaissanceformen. Die beiden Häuser Nr. 21 und Nr. 22 sind mit der Anordnung von auf Säulchen ruhenden Balkonen und jeweils eines polygonalen Altans mit Wintergartenaufbau in den Außenachsen spiegelbildlich konzipiert und unterscheiden sich nur in der Form des Dachausbaus über der Altanachse. 1)

 

Für die Bebauung der Nordseite des Cäcilienplatzes zeichnete G. Schnitger veranstwortlich. Wie Hegeler verband er drei mansardgedeckte Häuser zu einer Gruppe, indem die Bauwiche mit Zwischengliedern gefüllt wurden, die formal in den renaissancistischen Fassadendekor integriert sind (Cäcilienplatz 1, 2, 3, erb. 1885/86). Ein symmetrisches Ercheinungsbild, heute durch Veränderungen teilweise gestört, schuf Schnitger ebenfalls durch zwei in den Außenachsen der Flankengebäude plazierte Altane mit zugeordnetem Ziergiebel in der Dachfläche und eine zentrierte Gestaltung des mittleren Hauses durch Austritt, Balkon und Dachhäuschen. Unterschiedliche Einzelformen, z. B. an Türrahmung und Obergeschoßfenstern, setzen individuelle Akzente. 1)

 

Im Charakter einer klassizistischen Villa entwarf Schnitger das westliche, aus der Straßenfluchtlinie zurückweichende Nachbargebäude der Gruppe, Cäcilienplatz 4 (erb. 1882). Dem fünfachsigen, walmgedeckten Putzbau verleihen die Gliederungen durch einen dreiachsigen Mittelrisalit mit Frontispiz und die spätklassizistische Formensprache ein nobles Gepräge. Dazu trägt die über dem halbkreisförmig vorgezogenen Souterraingeschoß ruhende Veranda bei, deren Säulen ursprünglich korinthische Kapitelle trugen und die heute durch den zugesetzten, mittig gelegenen Aufgang und den Wintergartenaufbau verändert ist. 1897 erweiterte F. Hegeler das Gebäude nach Norden. 1)

 

Westlich dieses Gebäudes erhebt sich freistehend innerhalb eines großen Gartengrundstückes an der Nordwestecke des Cäcilienplatzes das von Schnitger für den herzoglichen Kammerherrn von Friesen errichtete Wohnhaus Bismarckstraße 13, 1885 im Stil niederländischer Renaissancearchitektur als Backsteinbau mit hellen, geputzten Fensterrahmungen und Gesimsen ausgeführt. Seinem herrschaftlichen Anspruch und der markanten Position wird es durch die Ausbildung eines Eckrisalits mit Altan an der Südfassade und insbesondere durch den im 3/4-Rund vortretenden, dreigeschossigen Turm mit hohem Kegeldach an der Südwestecke gerecht. Im Werk Schnitgers nimmt dieser klar konzipierte Bau mit den äußerst zurückhaltend eingesetzten Schmuck- und Gliederungsformen, wie z.B. den Ziegelziersetzungen in den Lünetten und Brüstungsfeldern der Obergeschoßfenster oder den rundbogigen Zwillingsfenstern des abschließenden Turmgeschosses, eine Sonderstellung ein. Geradezu paradigmatisch scheint er an dieser Platzrandbebauung seine Vielseitigkeit und die Beherrschung im Umgang mit historischem Formengut unter Beweis stellen zu wollen, wobei er anders als Klingenberg, der z.B. am "Roten Schloß" (Roonstraße 7) Einzelformen historischer Stile kompilierend verarbeitet, um eine stilimmanente Behandlung jeder Bauaufgabe bemüht ist. 1)

 

 


 

 

 

 

< Fortsetzung folgt >

 

 


 

Quellen:

1) Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Band 31,

Stadt Oldenburg (Oldenburg) bearbeitet von Doris Böker,

Verlag CW Niemeyer, Hameln 1993

Zitate mit freundlicher Genehmigung des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalschutz

 

 


 

 

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